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Führung · «Mein Team läuft am Anschlag. Und ich mit.» the LAB · Führung

Neue Arbeitswelt: warum das alte Modell nicht mehr trägt

Elvira Häusler10 Min. LesezeitAktualisiert 12.10.2026
Die kurze Antwort

Das alte Arbeitsmodell aus mehr Stunden, ständiger Verfügbarkeit und Erschöpfung als Beweis von Einsatz trägt nicht mehr, weil Unternehmen unter Druck genau das verstärken, was Menschen erschöpft: mehr Unterbrechung, mehr Kontrolle, mehr Verdichtung. Der erste Schritt ist anhalten statt weiter funktionieren.

Das kannst du heute tun · 10 Minuten
  1. Streich ein Meeting, Reporting oder eine Gewohnheit, die beschäftigt, aber nichts bewirkt.
  2. Schlag deinem Team eine gemeinsame Fokuszeit vor, zum Beispiel vormittags von 10 bis 12 Uhr.
  3. Wenn du feststeckst: aufstehen, aus dem Fenster schauen, Kaffee holen, aber nicht scrollen.
  4. Schreib auf, was du längst weisst, aber nicht umsetzt, und mach heute den ersten kleinen Schritt.
Was die Forschung sagt

In einer Tagebuchstudie mit Mitarbeitenden aus 25 Unternehmen und 12 Branchen wurden die Beschäftigten im Schnitt 15 Mal pro Stunde unterbrochen, 6 dieser Unterbrechungen kamen von innen. Starker, Bracht, Roos & van Dick (2022): Gehirngerecht Arbeiten. Hin zu einer Kultur der Konzentration. ZOE 4/2022

Quellen geprüft am 12.10.2026

Wer heute arbeitet wie gestern, wird morgen irrelevant.

Das ist kein Motivationsspruch fürs Whiteboard. Das ist etwas, über das wir aus meiner Sicht dringend mehr sprechen sollten.

Denn gerade merken sehr viele Menschen, dass das alte Modell nicht mehr trägt. Nicht für sie selbst. Nicht für ihre Teams. Und nicht für die Unternehmen, in denen sie arbeiten. Wenn du selbst eine Führungsrolle hast und immer öfter denkst, dass die Art, wie ihr arbeitet, nicht mehr passt, dann bist du damit nicht allein.

Die neue Arbeitswelt ist kein Trendthema für die nächste Konferenz. Sie passiert längst. Die Frage ist nur, ob wir hinschauen oder weiter funktionieren.

Warum das alte Modell ausläuft

Das alte Modell hatte eine einfache Logik. Mehr Stunden, mehr Output, mehr Erfolg. Verfügbarkeit als Tugend. Erschöpfung als Beweis von Einsatz.

Diese Logik hat über Jahre funktioniert, oder es sah zumindest so aus. Heute zeigt sich die Rechnung dahinter. Menschen brennen aus. Teams verlieren Motivation. Und die Leistung, die so hart erzwungen wird, hält nicht lange.

Millionen Menschen spüren das gerade. Sie merken, dass das System, in dem sie gross geworden sind, sie nicht mehr trägt. Und sie stehen vor einer unbequemen Wahl. Weitermachen wie bisher oder hinschauen.

Hinschauen ist anstrengender. Aber es ist der einzige Weg, der nicht in der Sackgasse endet.

Anhalten statt weiter funktionieren

Hinschauen beginnt mit einem Moment, den viele von uns so lange wie möglich hinauszögern: anhalten. Nicht für immer, nicht als grosser Bruch. Sondern lange genug, um zu merken, was eigentlich gerade passiert.

In meinem Podcast «Well-being Wednesday» spreche ich seit drei Jahren mit Menschen, die sich genau damit beschäftigen. Drei Gespräche fallen mir zu diesem Thema immer wieder ein, weil sie das alte Modell aus drei Richtungen auseinandernehmen: Fokus, Vertrauen und die Zukunft der Arbeit selbst.

Vera Starker: Beschäftigt sein ist nicht dasselbe wie wirksam sein

Vera Starker war mein allererster Podcastgast. Sie ist ursprünglich Juristin und hat Fusionen begleitet. Dabei hat sie sich gefragt, warum Menschen nicht gut zusammenarbeiten, obwohl juristisch alles sauber gelöst ist. Danach hat sie systemische Organisationsentwicklung und Wirtschaftspsychologie studiert und forscht heute dazu, warum so viele Veränderungsprozesse scheitern.

Ihre Kernbotschaft: New Work braucht Focused Work. Oder in ihren Worten: «New Work heisst eben nicht Wattebausch werfen, sondern New Work heisst Leistung erbringen in einer digitalen Welt unter Berücksichtigung der Grundbedürfnisse von Menschen.»

Was du aus der Folge mitnehmen kannst:

  • Wir werden ständig unterbrochen, auch von uns selbst. Für ihre Studie haben Vera Starker und ihr Team Mitarbeitende in 25 Unternehmen aus 12 Branchen digitales Tagebuch führen lassen. Im Schnitt wurden sie alle vier Minuten unterbrochen. Von rund 15 Unterbrechungen pro Stunde kamen sechs von innen: der kurze Blick aufs Handy, das schnelle Mail-Checken, ohne dass irgendetwas geklingelt hätte.
  • Fokus ist eine Teamaufgabe. Eine einzelne Person kann das Problem nicht lösen, weil wir im vernetzten Arbeiten aufeinander angewiesen sind. Ihr Vorschlag: Setzt euch als Team zusammen, vereinbart gemeinsame Fokuszeiten und probiert aus. Viele ihrer Kundenunternehmen legen die Fokuszeit auf den Vormittag, etwa von 10 bis 12 Uhr, und nutzen die Stunde davor für Absprachen.
  • Wenn du feststeckst, geh nicht ins Digitale. Eine kurze Pause ist gut. Aufstehen, aus dem Fenster schauen, einen Kaffee holen. Aber nicht scrollen. Für dein Gehirn bleibt auch das Katzenvideo Arbeit, und die gute Idee kommt dort nicht.

Was das mit dem alten Modell zu tun hat: Es misst Präsenz und Beschäftigung. Vera Starker bringt es im Gespräch auf den Punkt: Wir verwechseln beschäftigt sein mit produktiv sein. Wer anhält, merkt oft zum ersten Mal, wie viel von dieser Beschäftigung gar nichts bewirkt.

Folge #1: Vera Starker, Warum Fokus unser wichtigstes Gut ist (wichtiger als Zeit). Anhören auf Spotify · Apple Podcasts.

Karin Lausch: Erschöpfung ist selten ein Zuviel

Karin Lausch begleitet Führungskräfte und ist Autorin der Bücher «Trust Me» über Vertrauen in Organisationen und «Feel Safe, Be Brave» über psychologische Sicherheit. Sie war gleich zweimal bei mir im Podcast: im März 2025 zum Thema kollektive Erschöpfung und im Dezember 2025 zu ihrem neuen Buch.

Ihre Kernbotschaft: Wenn Unternehmen unter Druck geraten, greifen sie zu den Werkzeugen von gestern. Karin beschreibt es so: «Das gesamte System in der Wirtschaft fällt gerade zurück in alte Verhaltensweisen, weil ihnen die sicher und bekannt erscheinen, weil es gerade stressig ist.» Kontrolle, Tracking, Vorgaben, wo, wann und wie lange gearbeitet wird. Genau das erschöpft Menschen noch mehr.

Was du aus den Folgen mitnehmen kannst:

  • Das Gefühl «es ist zu viel» ist oft ein Symptom, nicht die Ursache. Die eigentlichen Auslöser von Erschöpfung sieht Karin woanders: sich zu lange verstellen und anpassen, zu viel Fremdbestimmung, fehlender Sinn, fehlendes Gefühl von Selbstwirksamkeit. Und sie beschreibt, was viele Erschöpfte erleben: «Du fühlst ja nicht, du funktionierst.»
  • Den Schmerz fühlen, aber begrenzen. In ihrer Arbeit gibt es bewusst Raum, um alles rauszulassen, was gerade furchtbar ist. Eine halbe Stunde, eine Stunde. Danach geht der Fokus auf die Frage: Was liegt in meinem Einfluss, und was tun wir jetzt? Das gibt Orientierung statt gemeinsamem Jammern.
  • Psychologische Sicherheit ist nicht kuschelig. Karin erklärt mit der Peak-End-Regel, warum wir lieber monatelang das sinnlose Meeting aushalten, als einmal zu sagen, dass es so keinen Sinn macht. Ihr Bild dafür bleibt hängen: Wir harren lieber in einer endlosen Darmspiegelung aus, als einmal zu unterbrechen. Psychologische Sicherheit heisst, dass mehr Reibung entstehen darf, weil Menschen sagen, was sie wirklich denken. Und es beginnt beim Vorleben: Wenn du willst, dass dein Team über Fehler spricht, teile zuerst einen echten.

Was das mit dem alten Modell zu tun hat: Weiter funktionieren fühlt sich sicherer an als anhalten. Karin zeigt, warum das eine Täuschung ist, für dich persönlich genauso wie für ganze Organisationen.

Folge #30: Kollektive Erschöpfung: Was Unternehmen und Mitarbeitende jetzt tun müssen mit Karin Lausch. Anhören auf Spotify · Apple Podcasts.

Folge #44: Feel Safe ≠ Feel Good: was wir jetzt ALLE wirklich brauchen mit Karin Lausch. Anhören auf Spotify · Apple Podcasts.

Dr. David Bausch: Das Ende der Arbeitswelt, wie wir sie kannten

Dr. David Bausch ist Gründer der Organisationsberatung Digi2place, die sich auf die menschliche Seite der Transformation konzentriert. Er arbeitet seit rund zehn Jahren in unterschiedlichen HR-Funktionen bei der Commerzbank, lehrt an der Hochschule in Mainz und hat das Buch «Digitaler Stress: Schattenseite der neuen Arbeitswelt» geschrieben. Sein neues Buch trägt den Titel, der gut über diesem ganzen Artikel stehen könnte: «Das Ende der Arbeitswelt, wie wir sie kannten».

Seine Kernbotschaft: Wir haben kein Wissensproblem. Oder wie David es sagt: «Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem.» Du kannst alles darüber wissen, was dir guttut, und trotzdem das Gegenteil tun.

Was du aus der Folge mitnehmen kannst:

  • Auch Experten trifft es. David ist einer der bekanntesten Experten für digitalen Stress. 2023 hat er nach Wochen mit 16-Stunden-Tagen und Calls aus dem Auto eine körperliche Stressreaktion erlebt, mitten beim Autofahren. Seitdem teilt er seine Energie bewusst in Lebensphasen ein, statt alles gleichzeitig zu wollen.
  • Organisationale Regression. Unter Druck fallen Menschen in alte Muster zurück. Unternehmen auch: alle zurück ins Büro, Mikromanagement, weniger Vertrauen. Was vor zehn Jahren funktioniert hat, greift heute ins Leere.
  • Das gescheiterte KI-Versprechen. KI sollte uns Zeit für die schönen und sinnvollen Aufgaben schenken. Stattdessen wird die frei gewordene Zeit meist sofort mit noch mehr Leistung gefüllt. Ohne bewusste Entscheidung wird aus Effizienz einfach Verdichtung. Für dich als Führungskraft heisst das: Kapazität aktiv schützen, sonst frisst sie die nächste Anforderung auf.

Was das mit dem alten Modell zu tun hat: Die neuen Werkzeuge sind da. Aber solange wir sie nach der alten Logik einsetzen, bekommen wir nur mehr vom Alten, einfach schneller.

Folge #58: Das gescheiterte KI-Versprechen und warum die Arbeitswelt wie wir sie kennen, endet (mit Dr. David Bausch). Anhören auf Spotify · Apple Podcasts.

Was die drei Gespräche verbindet

Drei Menschen, drei Blickwinkel. Und doch landen alle am selben Punkt.

Das alte Modell scheitert nicht an fehlendem Einsatz. Es scheitert daran, dass wir unter Druck genau das verstärken, was uns erschöpft: mehr Unterbrechung, mehr Kontrolle, mehr Verdichtung. Karin und David beschreiben unabhängig voneinander dasselbe Muster, Organisationen, die in Stresszeiten in alte Verhaltensweisen zurückfallen. Vera zeigt, wie viel Wirksamkeit dabei im Alltag verloren geht.

Und alle drei kennen den Moment, in dem der Körper die Rechnung stellt. Vera erzählt im Gespräch, dass sie als junge Führungskraft im Konzern selbst einen Hörsturz hatte. David hat ihn 2023 beim Autofahren erlebt. Karin beschreibt, wie sie selbst lange gut funktioniert hat, bis es irgendwann nicht mehr ging.

Daraus ergeben sich für dich drei Fragen, die du dir diese Woche stellen kannst:

  1. Wo bist du beschäftigt, aber nicht wirksam? Welches Meeting, welches Reporting, welche Gewohnheit könntest du streichen, ohne dass es jemand vermisst?
  2. Was hältst du gerade aus, statt es anzusprechen? Und was würde passieren, wenn du es einmal tust?
  3. Was weisst du längst, setzt es aber nicht um? Nicht das nächste Buch ist die Lösung, sondern der erste kleine Schritt.

Anhalten heisst nicht aufhören. Es heisst, kurz aus dem Hamsterrad zu steigen und von oben draufzuschauen. Vera Starker hat mir auf die Frage, was sie ihrem jüngeren Ich raten würde, genau das gesagt: früher auf die Meta-Ebene gehen und schauen, wie die Dinge zusammenhängen.

Häufige Fragen

Was bedeutet neue Arbeitswelt?

Neue Arbeitswelt beschreibt den Wandel weg vom alten Modell aus mehr Stunden, ständiger Verfügbarkeit und Erschöpfung als Beweis von Einsatz. Stattdessen geht es um Arbeitsformen, die für Menschen, Teams und Unternehmen langfristig tragen. Im Kern steht die Frage, wie Arbeit so gestaltet wird, dass Leistung nicht auf Kosten der Gesundheit geht.

Warum trägt das alte Arbeitsmodell nicht mehr?

Weil die Rechnung aus mehr Stunden gleich mehr Erfolg nicht mehr aufgeht. Menschen brennen aus, Teams verlieren Motivation, und erzwungene Leistung hält nicht lange. Dazu kommt: Viele Unternehmen reagieren auf Druck mit mehr Kontrolle und Verdichtung, also genau mit dem, was Menschen zusätzlich erschöpft.

Was kann eine Führungskraft konkret ändern?

Der erste Schritt ist anhalten statt weiter funktionieren. Danach helfen kleine, konkrete Hebel: gemeinsame Fokuszeiten im Team, Meetings und Reportings auf ihre Wirkung prüfen, selbst vorleben, was du dir vom Team wünschst, und die eigene Energie als Grundlage deiner Führung behandeln. Das ist Arbeit über Zeit, kein schneller Wechsel.

Ist das nicht nur ein weiterer New-Work-Hype?

Der Begriff wird oft strapaziert, das stimmt. Hier geht es aber nicht um Tischkicker und Obstkörbe, sondern um die grundlegende Frage, wie wir Leistung erbringen, ohne uns selbst und unsere Teams auszubrennen. Das ist relevant, unabhängig vom Etikett.

Wenn du anders führen willst

Vielleicht hast du dich in einem der drei Gespräche wiedererkannt. Du spürst, dass das alte Modell auch für dich nicht mehr trägt, und gleichzeitig fehlt dir die Zeit, um etwas zu ändern.

Ein guter erster Schritt ist, ehrlich hinzuschauen, was dich das gerade kostet. Der Hidden Cost Test zeigt dir in wenigen Minuten, wo deine Energie im Alltag verloren geht.

Wenn du lieber direkt darüber sprechen willst, buch dir ein kostenloses Strategiegespräch. Unverbindlich und ohne Druck.

Lass uns genauer hinschauen.

Wenn du dich wiedererkennst, ist das kein Grund, dich noch mehr zu stressen, sondern eine Einladung, genauer hinzuschauen.

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